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Demaskiert

Wohl niemand hätte vor einem Jahr erwartet, dass uns - als erwachsenen, mündigen Personen, nochmals jemand vorschreibt, wann wir zu Hause sein und wen wir treffen sollen. Noch viel weniger war abzusehen, dass ein paar simple neue Regeln eine ordnungsliebende Gesellschaft in einen grossen Kindergarten verwandeln können...

Wer denkt, die Trotzphase würde spätestens nach der Pubertät enden, sollte sich heute mal genau umschauen. Es ist nämlich so, dass die Corona-Krise manche von uns schnurstracks ins Vorschulalter zurückwirft. Die Erwachsenenversion eines Trotzanfalls unterscheidet sich bei näherem Betrachten gar nicht mal so sehr von den infantilen Verhaltensausbrüchen:


Wir haben zwar gelernt, unseren Unmut nicht mehr laut schreiend und auf dem Boden strampelnd kundzutun. Darum quengeln wir lieber am Stammtisch mit Gleichgesinnten über die masslose Missachtung unserer Rechte durch den Bundesrat, weil das Feierbandbier vorübergehend zu Hause getrunken werden muss.

Wir versuchen nicht mehr, durch ununterbrochenes Jammern unseren Willen durchzusetzen, lieber verfassen wir passiv-aggressive Posts auf Social-Media-Plattformen mit fundierten und hinreichend recherchierten Ausführungen darüber, was unsere unfähige Führungsriege in dieser Krise alles falsch macht. Wobei die Skeptiker und Verschwörungstheoretiker für stichhaltige Argumente oder einen konstruktiven Austausch etwa so zugänglich sind, wie ein tobender 3-jähriger für elterliche Erziehungsinterventionen.

Wir rebellieren nicht mehr mittels extravagantem Kleiderstil gegen gesellschaftliche Konventionen, sondern üben uns fleissig im Aufbegehren gegen die durch unsere diktatorische Staatsgewalt verordnete Maskentragpflicht, in dem wir diese entweder gar nicht oder demonstrativ unzureichend tragen.

Wir klettern nicht mehr heimlich aus dem Fenster unseres Elternhauses, sondern überlisten die Tracing-App, indem wir Bluetooth ausschalten, um die Quarantäneregel zu umgehen oder missachten diese gleich komplett und nehmen weiter munter am öffentlichen Leben teil.


Was ist es, dass erwachsene Leute dazu bewegt, Regeln zu ignorieren und sich wieder zu benehmen wie verzogene Kleinkinder und rebellische Teenager? Schwer verständlich ist auch, warum sich Teilzeit-Anarchisten scheinbar nur über neue, persönlichkeitseinschränkende Massnahmen wie das Abstandhalten oder die Sperrstunde echauffieren, während bestehende Gesetze wie das Tempolimit oder die Nachtruhe um 22.00 Uhr durchaus ihre Richtigkeit haben.

Gib einem Menschen Macht und du erkennst seinen wahren Charakter. ~Abraham Lincoln~

In der heutigen Zeit sollte man einfach eine Pandemie abwarten und schauen, was passiert.

Und das, was gerade passiert, sollte uns zu denken geben.

Die Basis einer funktionierenden Gesellschaft sind Regeln und Gesetze, an die sich eben diese hält. Auch an solche, die nicht schon bei der Niederschrift der Bundesverfassung feststanden.

Sich - in einem Land, wie der Schweiz - an Regeln zu halten bedeutet nicht, autoritätenhörig zu sein.

Auf seine Mitmenschen Rücksicht zu nehmen heisst nicht, seine persönlichen Freiheiten aufzugeben. Auch wenn manch einer nicht in der Lage ist zu verstehen oder - noch schlimmer - zu akzeptieren, dass die persönliche Freiheit dort endet, wo die Grenzen des anderen anfangen. Erschwerend hinzu kommt, dass das Einhalten von Regeln ein Mindestmass an (emotionaler) Intelligenz und sozialen Fähigkeiten voraussetzt.


Da hilft es auch nicht, Empathie im grossen Stil zu heucheln, indem man 60 Sekunden lang auf dem Balkon dem Pflegepersonal für ihre aussergewöhnlichen Leistungen applaudiert. Denn es macht die Respektlosigkeit nicht wett, wenn man danach - alle Sicherheitsmassnahmen ignorierend - wieder seinem Alltag nachgeht, weiterhin seinen Freundeskreis durchknuddelt, keine Party auslässt und gegen die Sperrstunde demonstriert, während andere an ihre physischen und psychischen Grenzen gehen, nur damit der Liste der Corona-Toten nicht noch ein Name hinzugefügt werden muss. Und wehe ihnen, wenn die ihr Burnout genau dann bekommen, wenn man selbst medizinische Hilfe benötigt.

Wer die Wahrheit nicht weiss, der ist bloss ein Dummkopf. Aber wer sie weiss und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher.

~Berthold Brecht ~

Wenn uns die eigene Bedürfnisbefriedigung mehr Wert ist als die Gesundheit und das Leben unserer Mitmenschen, können wir nur hoffen, dass Corona das Schlimmste bleibt, das unserer Wohlstandgesellschaft jemals widerfährt.

Blickt man über den eignen Tellerrand hinaus - auf die Teile unserer Welt, in denen Krieg herrscht oder in welchen die Landesregierung nicht auf die Befindlichkeiten jedes einzelnen Bürgers Rücksicht nimmt, kann man über den Zwergenaufstand der Corona-Leugner, Maskenpflicht-Kritiker und Quarantäneverweigerer eigentlich nur den Kopf schütteln.

Tatsache ist, dass die Weltbevölkerung kontinuierlich wächst. Platz und Ressourcen werden knapper - die Möglichkeiten für jeden einzelnen zunehmend beschränkter. Wir werden gezwungen sein, noch näher zusammenzurücken.

Wie sollen wir mit zunehmend schwereren Bedingungen gemeinsam leben, wenn wir heute noch nicht mal bereit sind, zum Schutz unserer Mitbürger ein Stück Stoff zu tragen oder ein paar Wochen auf das Ausgehen zu verzichten?

Erschreckend ist nicht der Umstand, wie wenig es braucht, damit sich die Welt in kürzester Zeit buchstäblich langsamer dreht. Erschreckend ist vielmehr, wie schnell manche Menschen ihr wahres Gesicht zeigen, das sie bis jetzt hinter einer Maske versteckt haben, die sie sich jetzt zu tragen weigern. Desillusioniert ist, wer an den Ausspruch "liebe deinen Nächsten, wie dich selbst" geglaubt hat. Denn es zeigt sich - im "noch-nicht-sooo"-Ernstfall ist sich jetzt schon jeder selbst der Nächste.

Kleine Kinder halten sich die Hände vor die Augen, wenn sie sich fürchten.

Sie glauben, wenn sie das Böse nicht sehen, dann können sie selbst auch nicht gesehen werden. Wir schmunzeln über diese kindliche Naivität.


Und halten uns vor Corona gleichzeitig nicht nur die Augen, sondern auch die Ohren zu.


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