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Demonstrationsverweigerer

Es scheint, als leben wir in einer Zeit der Rebellen. Enthusiastisch nehmen wir an Demos teil, treten solidarisch Instagram- und Facebook-Gruppen bei und liken fanatisch angehauchte Leserkommentare.

Den genauen Kontext braucht man jeweils nicht zwingend zu kennen, Hauptsache, man kann die Headlines und wichtigsten Fakten aus gut recherchierten Artikeln der (Gratis)Presse rezitieren.

Demonstrieren ist zum neuen Volkshobby geworden. Grosse öffentliche zur Schaustellung des Engagements für die Rettung der Mutter Erde, breites Entsetzen über soziale Ungerechtigkeit und unbedingte Solidarität beim Thema Gleichberechtigung.

Kurzum: Kollektives Zusammenstehen zur Durchsetzung unser aller Bedürfnisse. Gemeinsam für eine bessere Welt.

Der jüngste Aufschrei in den (sozialen) Medien über eine politisch nicht korrekt benannte Süssigkeit ist nur ein Beispiel hierfür.

Gemeinsam sind wir stärker und eine kollektive Kundgebung hat mehr Gewicht als das Statement eines Einzelnen. Zweifellos.

Aber es ist auch sehr einfach, eine Meinung in die Welt hinauszuposaunen, wenn man den Kopf in der Masse gesenkt halten kann.

Es ist bequem und sicher, via Posts auf Instagram, Facebook und Co. grosse Worte zum Thema Bodyshaming oder Rassismus kundzutun und sich damit in eine Reihe tausender ähnlicher Beiträge einzugliedern.

Aber: 90% der selbsternannten Weltverbesserer können den Mund nicht aufmachen, wenn im Zugabteil neben ihnen eine Person aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert oder wegen ihres vermeintlichen Übergewichts beleidigt wird. Und wer kennt nicht die Anti-Pauschalisierungs-Parole des Durchschnitts-Eidgenossen: „Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber…".

Oder Frauen, die für "ihre Rechte" auf die Strasse gehen. Gegen die Unterdrückung und für Lohngleichheit demonstrieren. Aber beim nächsten Beurteilungsgespräch nicht in der Lage sind klar zu sagen, dass sie aufgrund ihrer Leistungen und Qualifikationen mehr Lohn verdient haben (unabhängig davon, dass nicht im HR-Arbeitende selten erwägen können, ob die Qualifikationen, Stärken und der Werdegang zweier Menschen exakt übereinstimmen und sie darum das genau gleiche Salär verdient haben).

Leider hört man an solchen Veranstaltungen selten, dass Gleichstellung auch bedeutet, neben Rechten auch Pflichten zu übernehmen. Dass frau demzufolge z.B. auch Militär- oder Zivildienst zu leisten hat (vor allem diejenigen, die sich nicht durch das Gebären und Aufziehen von Kindern für ihr Vaterland engagieren).

Für das Klima laufen wir kilometerweit (in unseren regional und unter fairen Bedingungen mit heimischen Ressourcen hergestellten Schuhen) durch die Städte und halten mit (Öko)Farben bemalte Schilder in die Höhe, welche danach fein säuberlich, stapelweise neben den Abfalleimern auf der Strasse landen. Und nach der anstrengenden Demo geht die "Klima-Jugend" moralisch bestärkt an das nächste OpenAir, um mit - selbstverständlich mit ÖV angereisten - Künstlern aus aller Welt ihr Engagement zu feiern.

Und schläft dann selig im Wegwerfzelt vor dem Einweggrill, immer noch satt von der Quinoa-Avocado-Goji-Beeren-Bowl und dem Mandelmilch-Schlummertrunk - verfeinert mit bester Vanille aus Madagaskar.

Nicht zu vergessen das Tragen von Gender-Armbändern als Zeichen der unbedingten Solidarität, welches unauffällig versteckt wird, wenn spätnachts im Ausgang das gleichgeschlechtliche Pärchen auf offener Strasse angegriffen wird. Dabei hat man die zur Toleranz aufrufenden Sprechchöre so oft lauthals mitgesungen, dass man sie rückwärts im Schlaf aufsagen kann. Und anstatt im entscheidenden Moment alle anderen Gaffer zu mobilisieren und sich wirklich mal gemeinsam für andere stark zu machen, wird lieber fleissig mit dem Handy für die eigene Insta-Story und die Gratiszeitungen geknipst.

Wenn es wirklich darauf ankommt, ist es bei vielen mit der politischen Korrektheit und moralischen Gesinnung nicht mehr so weit her.

Wir wollen Gerechtigkeit, solange unsere Freiheit nicht eingeschränkt wird.

Wir wollen Gleichberechtigung, solange uns keine Pflichten auferlegt werden.

Wir wollen ein besseres Klima, solange wir nicht verzichten müssen.

Wir wollen, dass sich etwas bewegt, solange wir uns nicht selbst bewegen müssen.

Aber das ganze Demonstrieren und öffentliche Aufschreien bringt wenig, wenn wir nicht in der Lage sind, nach "unseren" Prinzipien zu leben und die "eigene" Meinung auch dann kundzutun, wenn wir alleine stehen.

Also:

Lieber einmal in einer aktuellen Situation den Mund aufmachen und helfen, anstatt an jeder halbwegs vernünftigen Demo Parolen im Chor zu schreien.

Besser jedem Menschen ein Mindestmass an Respekt, Unvoreingenommenheit und Anstand entgegenbringen, als ein Süsswarenhersteller im Kollektiv anzuprangern.

Immer lautstark auf eine gefährliche Situation aufmerksam machen und die Polizei rufen, als Regenbogenfahnen auf dem Balkon aufzuhängen.

Auf jeden Fall mit dem Kauf von heimischen und saisonalen Produkten die regionalen Bauern unterstützen, als "Fairtrade-Produkte" von einem anderen Kontinent zu konsumieren.

Und vor allem: sich eine eigene Meinung bilden und diese konsequent und authentisch vertreten, als sich jedem Trend der breiten Masse zu fügen.

Bevor du dich aufmachst, die Welt zu verändern, geh 3-mal durch dein eigenes Haus. ~asiatisches Sprichwort ~

©2019 by saltysugar

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