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(Lockdown)Depression

Im Restaurant essen, Blumen kaufen, in den Urlaub fahren. Vor 3 Monaten eine Selbstverständlichkeit - diese Woche hat es den Montag für viele zum Highlight der letzten Wochen gemacht. Die ersten Lockerungen des Lockdowns. Endlich.

Die allermeisten von uns haben wohl langsam aber sicher die Nase gestrichen voll von der aktuellen Situation. Vor allem diejenigen, die zu Hause bleiben müssen (und dies dann auch wirklich tun), nur noch im Home-Office arbeiten oder von Kurzarbeit betroffen sind. Das kann einem schon mächtig auf die Stimmung schlagen. Und vielleicht fragt sich der eine oder andere auch, wo die Grenze zur Depression liegt.

Depressionen sind längst kein Tabuthema mehr. Im Gegenteil. Man spricht zwanglos darüber, ja es gehört schon fast zum Repertoire eines gut sortierten Small Talks, auf diesem Gebiet mitreden zu können.

Praktisch jeder kennt jemanden, der schon mal irgendwie mit Depressionen zu tun hatte.

Nur zugeben, dass man eigene Erfahrungen damit gemacht hat, ist immer noch ein No-Go. Die vorherrschende Meinung ist häufig, dass depressive Menschen willensschwach sind. Schliesslich hat jeder mal einen schlechten Tag, da muss man halt die Zähne zusammenbeissen und "einfach da durch". Deprimiert oder traurig ist schliesslich jeder mal. "Auch das geht vorbei" und "wenn man will, kann man auch".

So einfach ist dies aber nicht. Für Menschen, die selbst noch nie eine Depression erlebt haben, ist es oft schwer nachzuvollziehen, warum sich Betroffene nicht einfach zusammenreissen können.

Die Symptome und Auswirkungen von Depressionen sind so vielfältig und fallen so unterschiedlich aus, wie die darunter leidenden Menschen selbst. Es gibt nicht "die Depression". Darum ist es auch schier unmöglich, eine Beschreibung zu finden, die allen Betroffenen aus der Seele spricht.

Wer depressiv ist, ist oft nicht wirklich "traurig" im Sinne davon, dass einem das Herz schmerzt und/oder man weiss, dass Weinen Erleichterung brächte. Dass Tränen einem selbst und der Umwelt sagen würden, dass das Gefühl bald vorbei geht. Dass Trost, in welcher Form auch immer (sei dies menschliche Zuwendung, Essen, Sport, etc.) es zumindest etwas besser machen würde.

Manche beschreiben es auch so:

Depressionen können sich anfühlen wie eine grosse, schwere Decke, die mit ihrem dicken Stoff den ganzen Körper einhüllt und es wahnsinnig anstrengend macht, sich zu bewegen.

Depressionen sind, als sässe man in einem leeren Zimmer ohne Tür. Es ist nichts da, ausser man selbst und man kann nicht aufhören die leeren Wände anzustarren, weil es sonst nichts zu sehen gibt.

Depressionen nehmen einem die ganze Energie. Alles, was einem bleibt, schein dafür draufzugehen, die lebensnotwendigen Körperfunktionen aufrecht zu erhalten.

Bei einer Depression fühlt sich das Innerste an, wie wenn einem die Lippe nach der Spritze beim Zahnarzt einschläft. Man spürt weder Berührung, Geschmack noch Schmerz.

Eine Depression ist, als würde in einer Runde der lustigste Witz überhaupt erzählt, bei dem niemand mehr aufhören kann zu lachen. Aber du verstehst ihn nicht.

Es ist, als hätte jemand die Farbe aus der Welt und die Empfindung aus allen Gefühlen genommen. Als lebe man eine Null-Linie irgendwo zwischen Freude und Trauer. Irgendwas zwischen hell und dunkel, zwischen schwarz und weiss.

Man existiert einfach. Aber es würde keinen Unterschied machen, wenn man damit aufhören würde.


Die Tücke der Depression besteht nicht darin, sich schlecht zu fühlen - sondern in der Unfähigkeit, überhaupt Gefühle wahrzunehmen.

Anti-Depressiva können vielen Betroffenen helfen. Aber sie sind auch umstritten. Die einen sind sich sicher, dass sie ihnen buchstäblich das Leben gerettet haben. Andere haben sich geschworen, das Zeug niemals wieder zu nehmen - komme, was da wolle.

Mit Anti-Depressiva ist es ein bisschen so, als würde man im Frühling die Fenster eines riesigen Hauses nach einem langen, dunklen Winter aufreissen. In der Hoffnung und im Glauben, etwas Durchzug mit frischer Luft und ein Wenig Sonnenschein würden auch gleich den gesamten Frühlingsputz erledigen.

Anti-Depressiva sind keine Lösung, sondern oftmals eine Symptombekämpfung. Sie können aber dennoch nötig sein, um an der Lösungsfindung überhaupt erst arbeiten zu können. Sie lösen die Taubheit auf, bringen die Empfindungen zurück. Damit aber auch die (zumeist verdrängten) negativen Emotionen, die zu dem depressiven Zustand geführt haben. Denn Depressionen kommen in den seltensten Fällen aus dem Nichts: Ein Verlust, ein traumatisches Erlebnis, ein Schicksalsschlag. Jeder Depression geht eine persönliche Geschichte voraus.

Der Schritt aus einer Depression ist eine bewusste Entscheidung und braucht einen starken Willen. Allem voran braucht es eines: Geduld. Denn wie bei einem Lockdown bleibt einem zuweilen nichts anderes übrig, als die Umstände hin zu nehmen und sie auszuhalten. Die Krise mehr oder weniger tapfer zu meistern und den Horizont nicht aus den Augen zu verlieren. Und irgendwann kann man sich wieder über Kleinigkeiten freuen, die einem früher total banal erschienen. Wie zum Beispiel, endlich wieder Blumenerde kaufen zu dürfen.



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