• saltysugar

Von Müttern und Monstern

Aktualisiert: Okt 17

**Dieser Beitrag kann möglicherweise triggernd wirken.

Am Ende des Artikels findest du Telefonnummern und Links zu Hilfsangeboten.**


Ich habe eine Freundin, mit einer tragischen und traurigen Vergangenheit, die sie viel zu lange für sich behalten hat. Auch heute fällt es ihr schwer, offen über das zu sprechen, was sie erlebt hat. Damals wurde ihr verboten, es jemandem zu erzählen und bis heute hat sie das Gefühl, es nicht zu dürfen.


Vor nicht allzu langer Zeit hat dieser eine berühmte Hashtag die Themen Missbrauch und sexualisierte Gewalt "salonfähig" gemacht. Womöglich zeitweilig in übertriebenem Masse. Dennoch ist es richtig und wichtig, dass wir diese Dinge nicht totschweigen.

Denn mit das Schlimmste bei solchen Erlebnissen ist das Gefühl, damit allein zu sein. Nicht darüber reden zu können oder zu dürfen.

Aber da gibt es (mindestens) ein Thema, das weiterhin tabu zu sein scheint. Das öffentlich nicht oder kaum angesprochen wird. Dies macht es umso schwerer für Betroffene, ihre Geschichte zu akzeptieren, darüber zu sprechen, Leidensgenoss:innen zu finden.


Es geht um Mütter, die ihre Kinder vernachlässigen, misshandeln, bei Übergriffen wegschauen oder selbst missbrauchen.

Es gibt sie.


Die Mutter meiner Freundin war eine von ihnen. Eine charismatische und einnehmende Persönlichkeit. Aber auch narzisstisch, suchtkrank und latent gewalttätig. Emotionale Vernachlässigung, verbale Attacken und Alkoholexzesse gehörten zum Alltag meiner Freundin. Ihre Mutter hat die Übergriffe auf sie nicht nur toleriert, sondern auch organisiert.

Mehr als einmal musste sie für längere Zeit hospitalisiert werden. Und immer hat sie über das Geschehene geschwiegen. Aus Loyalität, aus Liebe zu ihrer Mutter, aus Angst.

Angst, dass ihr niemand glauben würde. Angst, dass sie mit ihrem Schicksal alleine ist.


Sie ist nicht (mehr) allein.


Inzwischen hat sie keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter und heute geht es ihr gut. Etwas fällt ihr aber nach wie vor schwer: Die Schuldige beim Namen zu nennen: Mutter.

Mütter werden heute mehr denn je als unantastbar angesehen. Mutterschaft als heilige Institution. Sie sind aufopfernde Allrounder, selbstlose Organisationsprofis, Löwinnen.

Manchmal sind sie aber auch verletzend, lieblos, gewalttätig, böse.


Das sind die Mütter, die ihren Kindern sagen, dass sie unerwünscht, lästig und ungewollt sind. Die ihre Kinder so schlimm schlagen, dass sie tagelang nicht zur Schule gehen können.

Mütter, die vor dem Missbrauch ihrer Kinder nicht nur die Augen verschliessen, sondern sie regelecht feilbieten.

Die ihre Kinder demütigen, beleidigen oder ignorieren. Sie vernachlässigen und im Alkohol- oder Drogenrausch physisch und psychisch attackieren.

Mütter, die das Selbstwertgefühl ihrer Kinder untergraben, ihr Vertrauen zerstören und ihre Abhängigkeit eiskalt ausnutzen.

Mütter, die wünschten, ihre Kinder wären nie geboren worden und sie dies wissen und spüren lassen.


Diese Kinder sind unwiederbringlich für ihr Leben geprägt: Dieser eine Mensch, der sie von ganzem Herzen lieben sollte, dem sie hätten bedingungslos vertrauen können müssen, hat ihnen unaussprechliches zugefügt. Diese Narben werden niemals verschwinden.


Und über allem liegt der Deckmantel des Schweigens. Eine Mutter "anzuklagen" ist ein gesellschaftliches Tabu. Meine Freundin hat geschwiegen, weil sie von ihrer eigenen Mutter dazu gezwungen wurde. Es hat sie fast ihr Leben gekostet.

Ich bin froh, dass sie es nicht mehr tut.

Doch selbst wenn sie sich damals jemandem hätte anvertrauen können, hätte sie Hilfe bekommen? Ihre Familie hatte da "so eine Ahnung"... Gesagt, geschweige denn, unternommen hat niemand etwas. Sie haben weggesehen und meine Freundin hat weiter geschwiegen, bis es fast zu spät war.

Wir müssen anfangen hinzusehen, damit Betroffene aufhören können, zu schweigen. Jede Form von (häuslicher) Gewalt ist weder akzeptabel noch tolerierbar. Jeder kann helfen und sei es nur, in dem wir bereit sind, zuzuhören.



**Hier findest du Hilfe für dich oder jemanden, den du kennst:

Telefon-Nr.: 143 Dargebotene Hand

147 Kindersorgentelefon

1811 Auskunft: ("Wer ist heute Notfallpsychiater z. B. im Bezirk Zürich?")

04848 35 45 55 Elternnotruf


Internet:

https://www.ipsilon.ch diverse Hilfsangebote in deinem Kanton

https://www.143.ch/

https://www.castagna-zh.ch/ Opferhilfe

https://www.obzh.ch Opferberatung


Per SMS:

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